Wenn jemand auf Dialyse angewiesen ist, ist der richtige Zugang zum Blutkreislauf nicht nur wichtig - er ist lebenswichtig. Es gibt drei Hauptmethoden, wie das Blut während der Behandlung mit dem Dialysegerät verbunden wird: die AV-Fistel, der AV-Graft und der Zentralvenenkatheter. Jede hat ihre Vor- und Nachteile, und die Wahl beeinflusst nicht nur die Behandlungsqualität, sondern auch die Lebenserwartung und Lebensqualität des Patienten.
Die arteriovenöse (AV-) Fistel ist die beste Option, wenn sie möglich ist. Sie wird chirurgisch angelegt, indem eine Arterie direkt mit einer Vene verbunden wird - meist im nicht-dominanten Arm, etwa am Handgelenk oder am Ellenbogen. Die Vene muss sich erst an den erhöhten Blutdruck aus der Arterie gewöhnen. Das dauert sechs bis acht Wochen. Während dieser Zeit wird sie dicker, stabiler und kann wiederholt mit Nadeln durchstochen werden, ohne zu beschädigen.
Warum ist das die beste Wahl? Weil sie die wenigsten Komplikationen hat. Studien zeigen, dass Patienten mit einer funktionierenden Fistel deutlich seltener an Infektionen sterben als mit anderen Zugängen. Eine große Analyse aus dem Jahr 2013 ergab: Wer einen Katheter nutzt, hat 2,12-mal höhere Chancen, an einer schweren Blutvergiftung zu sterben, als jemand mit einer Fistel. Das entspricht 28 zusätzlichen Todesfällen pro 100.000 Patientenjahre.
Die Fistel hält jahrelang. Viele Patienten nutzen dieselbe Fistel über zehn, manchmal sogar 20 Jahre lang. Sie braucht kaum Pflege: nur regelmäßiges Abtasten auf das sogenannte Thrill - ein leichtes Vibrieren, das zeigt, dass das Blut richtig fließt. Einige Patienten berichten, sie hätten seit sieben Jahren nur einmal einen Check-up gebraucht. Kein Verband, kein steriler Aufwand - einfach nur aufmerksam sein.
Nicht jeder hat starke, gesunde Venen. Bei Diabetes, langjährigem Hochdruck oder nach mehreren Operationen sind die Blutgefäße oft zu dünn oder verhärtet. Dann wird ein AV-Graft eingesetzt. Dabei wird ein künstliches Röhrchen aus Polytetrafluorethylen (PTFE) zwischen Arterie und Vene eingepflanzt. Es verhält sich wie eine Brücke, die das Blut umleitet.
Der große Vorteil: Der Graft ist nach zwei bis drei Wochen einsatzbereit - viel schneller als eine Fistel. Das ist wichtig, wenn die Dialyse sofort beginnen muss. Aber er hat auch Nachteile. Grafts neigen viel häufiger zu Verklumpungen und Infektionen. Jedes Jahr müssen 30 bis 50 Prozent der Grafts mit einer Operation wieder geöffnet werden. Manchmal reicht eine einfache Thrombolyse, manchmal muss das gesamte Röhrchen ausgetauscht werden. Die Lebensdauer liegt meist bei zwei bis drei Jahren.
Ein Patient, der drei Grafts in sieben Jahren hatte, sagte einmal: „Ich bin immer wieder im Krankenhaus. Einmal pro Monat Angst, dass es wieder verstopft.“ Solche Erfahrungen sind nicht selten. Der Graft ist eine gute Lösung - aber keine perfekte.
Ein Zentralvenenkatheter ist ein weicher Schlauch, der in eine große Vene im Hals, der Brust oder der Leiste eingeführt wird. Er ist sofort einsatzbereit. Das macht ihn ideal für Notfälle oder wenn kein anderer Zugang möglich ist. Aber er ist auch der riskanteste Weg.
Er muss täglich gepflegt werden. Jede Verbandwechselung muss sterilen Regeln folgen. Ein einziger Fehler - ein verschmutzter Händedruck, ein feuchter Verband, eine ungewaschene Nadel - kann eine lebensgefährliche Blutvergiftung auslösen. Die Infektionsrate liegt bei 0,6 bis 1,0 pro 1.000 Kathetertagen. Das klingt klein, aber bei 100.000 Patienten addiert sich das zu tausenden schwerer Infektionen pro Jahr.
Studien zeigen: Wer mit einem Katheter dialysiert, hat ein 1,53-mal höheres Sterberisiko als jemand mit einer Fistel. Das sind 106 zusätzliche Todesfälle pro 100.000 Patientenjahre. Und das, obwohl viele Katheter nur als temporäre Lösung gedacht sind. Leider werden sie oft zur Dauerlösung, weil keine andere Option funktioniert.
Ein großer Nachteil: Der Katheter verhindert, dass man sich normal duschen kann. Man muss den Verband mit Plastikfolie abdecken, oder gar nicht baden. Viele Patienten sagen, das sei eine der schwersten Einschränkungen ihres Alltags.
Die Wahl hängt nicht nur von der Krankheit ab, sondern von der Körperstruktur. Bevor eine Operation geplant wird, wird eine Vein-Mapping-Untersuchung gemacht. Dabei wird ein Ultraschall verwendet, um die Größe, Tiefe und Elastizität der Venen und Arterien zu messen. Nur so lässt sich sagen, ob eine Fistel möglich ist.
Manche Patienten haben einfach zu schwache Venen. Ältere Menschen, Diabetiker, Raucher - sie alle haben oft weniger „gutes“ Gefäßgewebe. In diesen Fällen bleibt oft nur der Graft oder der Katheter. Aber auch hier gilt: Wenn es möglich ist, sollte man die Fistel anstreben. Selbst wenn es länger dauert.
Neue Forschung zeigt: Wer vor der Operation regelmäßig Arm- und Handübungen macht, erhöht die Erfolgsquote der Fistel um 15 bis 20 Prozent. Einfache Bewegungen - Faustschließungen, Ballendrücken - trainieren die Venen und bereiten sie auf den erhöhten Blutfluss vor. Das kostet nichts. Und es kann Leben retten.
Patienten, die eine ausführliche Schulung vor der ersten Dialyse erhalten, haben 25 Prozent weniger Komplikationen im ersten Jahr. Das ist kein Zufall. Es geht um Wissen.
Die meisten Patienten brauchen zwei bis drei Trainingseinheiten mit einem Dialysepfleger, um alles sicher zu beherrschen. Manche brauchen länger. Das ist normal. Es geht nicht darum, perfekt zu sein - sondern sicher.
Nicht alle Patienten haben die gleiche Chance. Studien zeigen: Schwarze Patienten in den USA sind 30 Prozent weniger wahrscheinlich, eine Fistel zu bekommen - selbst wenn ihre Gesundheitsdaten gleich sind. Das liegt an vielen Faktoren: ungleicher Zugang zu Spezialisten, verzögerte Überweisungen, mangelnde Aufklärung. Diese Ungleichheit kostet Leben.
Und es kostet Geld. Die jährlichen Kosten für Katheter-basierte Dialyse sind deutlich höher als bei Fisteln. Studien schätzen, dass in den USA allein durch den Austausch von Kathetern gegen Fisteln jährlich 1,1 Milliarden US-Dollar gespart werden könnten. Das ist nicht nur medizinisch, sondern auch wirtschaftlich sinnvoll.
Die Forschung schreitet voran. Im Jahr 2022 wurde der erste drahtlose Sensor für Fistel-Blutfluss von der FDA zugelassen. Er misst kontinuierlich, ob das Blut richtig fließt, und warnt vor einer bevorstehenden Verstopfung - mit einer Reduktion von Thrombosen um 20 Prozent in klinischen Tests.
Auch neue Materialien für Grafts werden getestet. Eine bioengineerte, menschliche, nicht-zelluläre Blutgefäßerweiterung (Humacyte) befindet sich in Phase-3-Studien. Sie könnte künftig Patienten mit extrem schwachen Venen helfen, ohne künstliche Materialien zu nutzen.
Experten erwarten, dass bis 2030 mindestens 65 bis 70 Prozent der Dialysepatienten eine Fistel haben werden. Katheter sollen auf 15 Prozent sinken. Das ist der Zielwert. Aber er wird nur erreicht, wenn jeder Patient die Chance bekommt - und wenn er weiß, wie er seinen Zugang schützt.