Sturzrisiko bei älteren Erwachsenen durch sedierende Antihistaminika: Präventionsstrategien

Sturzrisiko bei älteren Erwachsenen durch sedierende Antihistaminika: Präventionsstrategien
Henriette Vogelsang 16 Januar 2026 1 Kommentare

Antihistaminika-Risiko-Check für ältere Menschen

Wählen Sie ein Antihistaminikum, um Informationen zum Sturzrisiko zu erhalten.

Ältere Menschen stürzen häufiger, als viele denken. Jeder vierte Mensch ab 65 Jahren stürzt mindestens einmal im Jahr. Und oft liegt die Ursache nicht am rutschigen Boden oder einem losen Teppich, sondern an einem Medikament, das viele für harmlos halten: sedierenden Antihistaminika. Diese Medikamente, oft als Schlafmittel oder gegen Allergien eingenommen, erhöhen das Sturzrisiko deutlich - und das, obwohl es sicherere Alternativen gibt.

Was sind sedierende Antihistaminika und warum sind sie gefährlich?

Sedierende Antihistaminika gehören zur ersten Generation dieser Wirkstoffe. Dazu gehören Diphenhydramin (z. B. Benadryl), Chlorpheniramin (Chlor-Trimeton) und Brompheniramin (Dimetapp). Sie wurden in den 1940er-Jahren entwickelt, um Allergiesymptome zu lindern. Doch sie wirken nicht nur an den Nasenschleimhäuten - sie dringen auch ins Gehirn ein. Das ist ihr Problem.

Im Gehirn blockieren sie Histaminrezeptoren, die für Wachheit und Koordination zuständig sind. Das führt zu Schläfrigkeit, Schwindel, langsameren Reaktionszeiten und gestörtem Gleichgewicht. Bei jüngeren Menschen vergeht das schnell. Bei älteren Menschen hingegen wird der Wirkstoff langsamer abgebaut. Die Halbwertszeit von Diphenhydramin beträgt bei jungen Erwachsenen etwa 8,5 Stunden - bei Menschen über 65 steigt sie auf 13,5 Stunden. Das bedeutet: Der Körper ist stundenlang unter Drogen, ohne dass der Patient es merkt.

Ein 2025 veröffentlichter Studienüberblick im Journal of the American Geriatrics Society zeigte: Wer ein sedierendes Antihistaminikum einnahm, hatte innerhalb von 60 Tagen ein um 87 % höheres Risiko, zu stürzen, als jemand, der es nicht nahm. Und das nicht nur einmal - die Folgen sind oft schwerwiegend: Knochenbrüche, Kopfverletzungen, Krankenhausaufenthalte. 32.000 Menschen über 65 starben 2020 in den USA an Sturzfolgen.

Warum verschreiben Ärzte sie trotzdem?

Dass diese Medikamente riskant sind, ist seit Jahren bekannt. Die American Geriatrics Society listet sie seit Jahren in ihren Beers-Kriterien als „potenziell unangemessen“ für ältere Menschen auf. Dennoch werden sie weiterhin verschrieben - oft ohne dass Patienten oder Ärzte die Risiken wirklich verstehen.

Ein Grund: Sie sind rezeptfrei erhältlich. Wer Kopfschmerzen, Allergien oder Schlafprobleme hat, greift einfach ins Regal. Diphenhydramin ist in den USA das dritthäufigste OTC-Schlafmittel - und 28,7 Millionen Packungen werden jährlich an Menschen über 65 verkauft. Die Verpackungen warnen zwar vor Schläfrigkeit, aber nicht ausreichend vor Sturzgefahr. Viele ältere Menschen denken: „Ich nehme es nur abends, dann ist es am Tag weg.“ Doch die Wirkung hält länger an, und die Kombination mit anderen Medikamenten (z. B. Blutdrucksenkern oder Beruhigungsmitteln) verstärkt das Risiko noch.

Ein weiterer Grund: Ärzte unterschätzen die Bedeutung von Allergien. Sie verschreiben Diphenhydramin, weil es billig ist und schnell wirkt - ohne zu prüfen, ob es wirklich nötig ist. Studien zeigen: Selbst Dermatologen verschreiben diese Medikamente bei älteren und jüngeren Patienten fast gleich häufig - obwohl die Risiken bei älteren Menschen deutlich höher sind.

Was ist die sichere Alternative?

Es gibt eine Lösung: zweite-Generation-Antihistaminika. Dazu gehören Loratadin (Claritin), Cetirizin (Zyrtec) und Fexofenadin (Allegra). Diese Medikamente dringen kaum ins Gehirn ein. Sie wirken genauso gut gegen Niesen, Juckreiz und laufende Nase - aber ohne Schläfrigkeit.

Ein Vergleich zeigt den Unterschied deutlich:

Vergleich von Antihistaminika: Risiko für Stürze bei älteren Erwachsenen
Wirkstoff Generation Anticholinerge Belastung Durchschnittliche Schläfrigkeit Sturzrisiko im Vergleich zu Nichtnutzern
Diphenhydramin 1. Generation 3-4 (hoch) 15-20 % +87 %
Chlorpheniramin 1. Generation 3-4 (hoch) 12-18 % +82 %
Cetirizin 2. Generation 1 (niedrig) 14 % +4 %
Fexofenadin 2. Generation 0 (keine) 6 % kein erhöhtes Risiko
Loratadin 2. Generation 0 (keine) 5-7 % kein erhöhtes Risiko

Die Daten sprechen klar: Wer Fexofenadin oder Loratadin nimmt, hat kein höheres Sturzrisiko als jemand, der gar kein Antihistaminikum einnimmt. Cetirizin ist etwas sedierender - aber immer noch viel sicherer als Diphenhydramin. Die American Geriatrics Society empfiehlt daher klar: Vermeiden Sie erste-Generation-Antihistaminika. Wählen Sie Fexofenadin oder Loratadin, wenn nötig.

Ein alter Mann greift nach leuchtenden, sicheren Medikamenten in einer Apotheke, während gefährliche Pillen in die Dunkelheit fallen.

Was können Sie selbst tun?

Wenn Sie oder ein Angehöriger regelmäßig ein Antihistaminikum einnehmen, fragen Sie sich: Warum? Brauchen Sie es wirklich? Gibt es eine sicherere Option?

Die CDC empfiehlt einen einfachen 3-Schritte-Plan: STOPPEN, UMSTELLEN, REDUZIEREN.

  • STOPPEN: Wenn das Medikament nur für gelegentliche Allergien genommen wird - kann es ganz entfallen? Versuchen Sie es mit nicht-medikamentösen Methoden.
  • UMSTELLEN: Wechseln Sie von Diphenhydramin zu Fexofenadin oder Loratadin. Die Wirkung ist ähnlich, das Risiko ist fast null.
  • REDUZIEREN: Wenn Sie Diphenhydramin als Schlafmittel nehmen: Reduzieren Sie die Dosis auf 12,5 mg statt 25 mg. Nehmen Sie es nur abends ein - und nicht morgens oder mittags.

Und wenn Sie aufhören wollen? Dann tun Sie es nicht plötzlich. Eine abrupte Absetzung kann zu Rückkehr der Symptome oder sogar Schlafstörungen führen. Sprechen Sie mit Ihrem Arzt oder Apotheker. Erstellen Sie einen Absetzplan. Und ergänzen Sie ihn mit nicht-medikamentösen Maßnahmen:

  • Nasenspülungen mit Salzlösung: Reduzieren Allergiesymptome um 35-40 % (JAMA Otolaryngology, 2022).
  • Allergiegeschützte Bettwäsche: Verringern Staubmilbenexposition um 83 %.
  • HEPA-Luftreiniger: Entfernen 99,97 % der Allergene aus der Luft.
  • Schlafhygiene: Regelmäßiger Schlafzeitpunkt, kein Koffein nach 14 Uhr, dunkles, kühles Zimmer - das hilft besser als Diphenhydramin.

Was kann die Umgebung tun?

Medikamente allein lösen das Problem nicht. Auch die Umgebung spielt eine Rolle. Ein Sturz ist oft das Ergebnis einer Kombination: ein sedierendes Medikament + schlechtes Licht + ein lose liegender Teppich.

Wenn Sie ein Antihistaminikum einnehmen - oder es gerade absetzen - sollten Sie auch Ihre Wohnung prüfen:

  • Installieren Sie Haltegriffe im Bad und neben der Toilette - das senkt das Sturzrisiko um 28 %.
  • Sorgen Sie für ausreichendes Licht, besonders in Fluren und Treppen - das reduziert Stürze um 32 %.
  • Entfernen Sie lose Kabel, Teppiche und Unordnung vom Boden.
  • Tragen Sie rutschfeste Schuhe - auch zu Hause.
Ein Apotheker und Patient überprüfen Medikamente in einer magischen Halle, gefährliche Pillen verwandeln sich in Blumen.

Was tun, wenn Sie schon gestürzt sind?

Ein Sturz ist kein Zufall - er ist ein Warnsignal. Wenn Sie oder ein Angehöriger gestürzt ist, sollte das sofort zur medizinischen Überprüfung führen. Fragt Ihr Arzt nach Medikamenten? Wenn nicht, fragen Sie selbst.

Die CDC hat den STEADI-Initiative-Ansatz entwickelt: Jeder Mensch ab 65 sollte jährlich auf Sturzrisiko geprüft werden - inklusive einer vollständigen Medikamentenliste. Apotheker können dabei helfen: Bei einer „Brown Bag Review“ bringen Patienten alle ihre Medikamente - Rezeptpflichtige, OTC-Produkte, Nahrungsergänzungsmittel - zur Apotheke. Dort wird jede Tablette geprüft. Studien zeigen: Solche Überprüfungen reduzieren das Sturzrisiko um 26 %.

Ein typischer Fall: Eine 78-jährige Frau nimmt Diphenhydramin wegen Allergien und als Schlafmittel. Sie stürzt, bricht sich das Handgelenk. Nach der Reha wird ihre Medikation überprüft. Sie wechselt zu Fexofenadin und beginnt mit Nasenspülungen. Sie schläft besser - ohne Medikamente. Sechs Monate später: kein weiterer Sturz.

Was ändert sich in Zukunft?

Es gibt Hoffnung. Zwei neue Antihistaminika (AGS-2025-01 und FEX-AGE-101) befinden sich in klinischen Tests - sie sollen fast keine Sedierung verursachen. Sie könnten bald die erste echte Alternative für ältere Menschen sein.

Auch die Politik reagiert: Seit 2024 ist die Überprüfung von Medikamenten mit hohem Sturzrisiko - inklusive Antihistaminika - Teil des jährlichen Gesundheitschecks für Medicare-Empfänger. Apotheker und Ärzte müssen dokumentieren, ob sie Medikamente abgesetzt, umgestellt oder reduziert haben.

Die Zahl der Stürze bei älteren Menschen ist kein unvermeidliches Schicksal. Sie ist das Ergebnis von Gewohnheiten - und Gewohnheiten können sich ändern. Mit dem richtigen Wissen und der richtigen Handlung kann man viele Stürze verhindern - und damit Leben retten.

Welche Antihistaminika sind für ältere Menschen am sichersten?

Fexofenadin (Allegra) und Loratadin (Claritin) sind die sichersten Optionen. Sie haben kaum sedierende Wirkung und keine nennenswerte anticholinerge Belastung. Cetirizin (Zyrtec) ist etwas sedierender und sollte mit Vorsicht eingesetzt werden. Vermeiden Sie Diphenhydramin, Chlorpheniramin und Brompheniramin - sie erhöhen das Sturzrisiko deutlich.

Kann ich Diphenhydramin einfach absetzen?

Nein, nicht abrupt. Plötzliches Absetzen kann zu Schlafstörungen, verstärkten Allergiesymptomen oder Unruhe führen. Sprechen Sie mit Ihrem Arzt oder Apotheker. Erstellen Sie einen schrittweisen Absetzplan. Ergänzen Sie ihn mit nicht-medikamentösen Maßnahmen wie Nasenspülungen, Luftreinigern und Schlafhygiene.

Warum werden diese Medikamente trotzdem so häufig verschrieben?

Weil sie billig, rezeptfrei und schnell wirken. Viele Ärzte und Patienten wissen nicht, wie hoch das Risiko ist. Auch die Verpackungen warnen nicht ausreichend vor Sturz. Zudem wird oft nicht geprüft, ob das Medikament wirklich nötig ist - besonders bei Allergien, wo es effektive Alternativen gibt.

Sind auch zweite-Generation-Antihistaminika völlig sicher?

Fast. Fexofenadin und Loratadin haben kein erhöhtes Sturzrisiko. Cetirizin kann bei einigen älteren Menschen leichte Schläfrigkeit verursachen - aber das Risiko ist um 80 % niedriger als bei Diphenhydramin. Sie sind die beste Wahl, wenn ein Antihistaminikum unbedingt nötig ist.

Was kann ich tun, wenn mein Arzt Diphenhydramin verschreibt?

Fragen Sie: „Gibt es eine sicherere Alternative?“ Zeigen Sie ihm die Beers-Kriterien oder die CDC-Steadi-Richtlinien. Sagen Sie: „Ich möchte nicht, dass ich stürze.“ Die meisten Ärzte werden auf Ihre Bedenken eingehen - besonders wenn Sie konkrete Alternativen nennen, wie Fexofenadin oder Loratadin.

1 Kommentare

  • Image placeholder

    Mats Schoumakers

    Januar 16, 2026 AT 11:44

    Diese ganzen medizinischen Langatmer sind doch nur ein Alibi für die Pharmaindustrie. Jeder weiß doch, dass Diphenhydramin billiger ist als die neuen teuren Pillen. Wer nicht bereit ist, für Sicherheit zu zahlen, soll eben stürzen. Deutschland und Norwegen machen das schon richtig - mit strengen Regeln und weniger Rücksicht auf die Wirtschaft. Die alten Leute müssen endlich aufhören, sich wie Kinder zu verhalten und selbst Verantwortung zu übernehmen.

    Die ganze Diskussion ist ein Schauspiel. Wer sich nicht mal die Verpackung durchliest, hat das Risiko selbst verschuldet. Kein Medikament ist gefährlich, wenn man es vernünftig nimmt. Aber nein, man will alles gratis, ohne Konsequenzen - und dann klagen, wenn es schiefgeht.

Schreibe einen Kommentar