Wenn Sie ein Rezept für ein Medikament bekommen, fragen Sie sich vielleicht: Generika sind viel günstiger - aber funktionieren sie wirklich genauso gut wie die teuren Markenprodukte? Die Antwort ist ja. Und das nicht etwa durch Zufall, sondern dank eines der strengsten und wissenschaftlich fundiertesten Prüfsysteme der Welt: der FDA.
Der Schlüssel dazu ist die Bioäquivalenz. Das ist kein Marketingbegriff, sondern eine präzise wissenschaftliche Messung. Die FDA verlangt, dass das Generikum innerhalb von 80 bis 125 Prozent der Aufnahme-Rate und -Menge des Originals liegt. Das wird anhand von zwei Werten gemessen: AUC (Fläche unter der Konzentrationskurve) und Cmax (maximale Konzentration im Blut). Diese Werte werden an 24 bis 36 gesunden Freiwilligen getestet - meist in einer doppelblinden Studie, bei der die Teilnehmer nicht wissen, ob sie das Original oder das Generikum bekommen.
Ein Beispiel: Wenn ein Markenmedikament 10 mg Wirkstoff im Blut erreicht, muss das Generikum zwischen 8 und 12,5 mg erreichen. Das klingt nach einem weiten Spielraum - aber in der Pharmazie ist das extrem eng. Eine Abweichung von nur 5 Prozent bei Medikamenten wie Warfarin oder Levothyroxin kann zu Behandlungsfehlern führen. Deshalb hat die FDA für solche Narrow Therapeutic Index-Medikamente noch strengere Grenzen von 90 bis 111 Prozent festgelegt.
Inaktive Inhaltsstoffe - also Hilfsstoffe wie Füllstoffe, Farbstoffe oder Konservierungsstoffe - dürfen sich unterscheiden. Aber auch diese müssen sicher sein. Die FDA führt eine Inactive Ingredient Database mit über 500 Hilfsstoffen, in der genau festgelegt ist, welche Mengen für welche Anwendungsformen erlaubt sind. Ein Hilfsstoff, der in einer Tablette erlaubt ist, kann in einem Spray verboten sein - und umgekehrt.
Und dann gibt es noch die Herstellung. Jede Fabrik, die Generika produziert, muss den Current Good Manufacturing Practices (cGMP) entsprechen. Das bedeutet: Jeder Produktionschritt wird dokumentiert, jede Maschine kalibriert, jeder Batch getestet. Die FDA prüft diese Anlagen mindestens einmal im Jahr - oft unangemeldet. 2022 führten 21 Prozent aller Ablehnungen von ANDA-Anträgen auf Probleme bei der Herstellung zurück: unzureichende Reinigung von Anlagen, falsche Lagertemperaturen oder ungenaue Dosierung.
Die Generic Drug User Fee Amendments (GDUFA), seit 2012 in Kraft, haben das möglich gemacht. Hersteller zahlen Gebühren, die die FDA nutzt, um mehr Prüfer einzustellen und digitale Systeme zu verbessern. Im Jahr 2022 wurden 777 ANDAs genehmigt - davon 107 als erste Generika für ein bestimmtes Medikament. Die FDA erreichte 91,3 Prozent ihrer Zielvorgabe, innerhalb von 10 Monaten eine vollständige Antwort zu geben.
Dennoch scheitern viele Anträge. Rund 35 Prozent der ersten Einreichungen erhalten einen „Refuse-to-File“-Brief - das heißt, sie sind so unvollständig oder fehlerhaft, dass die FDA sie nicht einmal prüft. Die häufigsten Gründe: unzureichende Bioäquivalenzdaten (28 Prozent), Herstellungsprobleme (22 Prozent) oder falsche Packungsbeilagen (18 Prozent). Wenn ein Antrag abgelehnt wird, dauert es oft noch 6 bis 12 Monate, bis der Hersteller die Mängel behebt und neu einreicht.
Ein 2023er Studienanalyse von IQVIA mit 15 Millionen Patientendaten zeigte: Bei 20 häufig verschriebenen Medikamenten - darunter Atorvastatin, Metformin und Losartan - gab es keine statistisch signifikanten Unterschiede in der Wirksamkeit oder Nebenwirkungen zwischen Original und Generikum. Die Adhärenz - also die regelmäßige Einnahme - war sogar um 3,2 Prozent höher bei Generika, weil sie günstiger sind.
Die FDA-Datenbank für unerwünschte Arzneimittelwirkungen (FAERS) zeigt: Pro eine Million verschriebener Dosen liegen die Meldungen für Generika bei 1,7 und für Markenmedikamente bei 1,6 - also praktisch identisch.
Warum dann die Wahrnehmung? Einige Experten vermuten, dass es an der Placebo-Wirkung liegt: Wer glaubt, ein teures Medikament sei besser, fühlt sich auch besser. Oder es liegt an der Verpackung: Ein Patient, der von einer roten Tablette auf eine weiße wechselt, kann das als „nicht mehr wirksam“ interpretieren - obwohl der Wirkstoff gleich ist.
Einige Apotheker berichten, dass besonders bei komplexen Formen wie Inhalatoren, Cremes oder injizierbaren Emulsionen selten Unterschiede auftreten - nicht weil das Generikum schlechter ist, sondern weil es extrem schwierig ist, die physikalischen Eigenschaften exakt nachzubilden. Hier arbeitet die FDA seit 2022 mit einem speziellen Team an neuen Prüfmethoden, um auch diese Produkte zuverlässig zu bewerten.
Die Hauptgewinner sind Patienten. Wer 100 Dollar für ein Markenmedikament zahlt, zahlt für das Generikum oft weniger als 10 Dollar. Das macht den Unterschied zwischen Einnahme und Abbruch der Therapie. Besonders bei chronischen Krankheiten wie Bluthochdruck oder Diabetes ist das entscheidend.
Und auch die Pharmaindustrie profitiert - nicht nur die großen Konzerne wie Teva oder Viatris, sondern auch kleine Hersteller. 55 Prozent der Generika-Zulassungen gehen an kleinere Unternehmen, weil die FDA gezielt den Wettbewerb fördert. Seit 2017 hat sie Programme gestartet, um Medikamentenengpässe zu verhindern, indem sie schneller auf Anträge für kritische Arzneimittel reagiert.
Und die FDA will weiter beschleunigen. Mit GDUFA III, das bis 2027 läuft, sollen Standardanträge ab 2025 in nur noch 8 Monaten geprüft werden - und Prioritätsanträge sogar in 6 Monaten. Für Krebsmedikamente, die dringend benötigt werden, läuft bereits ein Pilotprogramm: Die erste generische Version von Capecitabin wurde im Februar 2024 in nur 7 Monaten zugelassen - statt der üblichen 10.
Die Botschaft ist klar: Generika sind nicht „Billigversionen“. Sie sind exakt gleich wirksame Medikamente, die durch eine der strengsten Prüfungen der Welt zugelassen werden. Die FDA prüft sie nicht weniger gründlich - sie prüft sie anders. Und das macht sie sicher, wirksam und erschwinglich - für Millionen von Menschen, die auf diese Medikamente angewiesen sind.