Überwachung von unerwünschten Ereignissen bei Biosimilars: Sicherheit und Pharmakovigilanz

Überwachung von unerwünschten Ereignissen bei Biosimilars: Sicherheit und Pharmakovigilanz
Henriette Vogelsang 5 Juni 2026 0 Kommentare

Stellen Sie sich vor, Sie erhalten eine Spritze gegen rheumatoide Arthritis. Das Medikament wirkt genau so gut wie das Original, kostet aber deutlich weniger. Doch was passiert, wenn nach der Behandlung ein seltsames Hautausschlag oder eine allergische Reaktion auftritt? Wer ist schuld - das Originalpräparat oder die neuere Nachahmung? Diese Frage steht im Zentrum der modernen Arzneimittelüberwachung für Biosimilars, biologische Arzneimittel, die einem bereits zugelassenen Referenzarzneimittel in Sicherheit, Reinheit und Wirksamkeit ähnlich sind. Im Gegensatz zu einfachen Generika, die exakte Kopien kleiner Moleküle sind, sind Biosimilars komplexe Produkte. Sie werden aus lebenden Zellen hergestellt und können nie zu 100 % identisch mit dem Vorbild sein. Deshalb benötigen sie ein eigenes, hochsensibles Überwachungssystem.

Warum Biosimilars anders überwacht werden müssen als Generika

Um die Sicherheitsüberwachung zu verstehen, muss man erst den Unterschied zwischen einem klassischen Generikum und einem Biosimilar begreifen. Ein Generikum für Aspirin ist chemisch gesehen dasselbe wie das Original. Bei biologischen Wirkstoffen, wie Insulin oder Antikörpern, ist das nicht möglich. Die Herstellung findet in lebenden Zellkulturen statt, ähnlich wie beim Brauen von Bier. Kleinste Veränderungen in Temperatur oder Nährstoffen können winzige Unterschiede im Endprodukt verursachen.

Diese Unterschiede sind klinisch meist unbedeutend, aber sie erfordern besondere Aufmerksamkeit. Das Hauptaugenmerk liegt auf der Immunogenität, die Fähigkeit eines Arzneimittels, eine Immunantwort des Körpers auszulösen. Wenn der Körper einen Biosimilar als „fremd“ erkennt, kann er Antikörper bilden. Diese Antikörper können die Wirkung des Medikaments blockieren oder schwere allergische Reaktionen auslösen. Daher ist die Pharmakovigilanz - also die Überwachung der Arzneimittelsicherheit - bei Biosimilars kein Standardprozess, sondern eine spezialisierte Aufgabe.

Die beiden Säulen der Sicherheitsüberwachung

Regulatorische Behörden weltweit setzen auf ein Zwei-Säulen-System, um Risiken frühzeitig zu erkennen. Beide Ansätze haben ihre Stärken und Schwächen, arbeiten aber idealerweise Hand in Hand.

  1. Selbstmeldesysteme (Spontaneous Reporting Systems): Hier melden Ärzte, Apotheker und Patienten Nebenwirkungen direkt an die Behörden. In den USA ist dies das FAERS (FDA Adverse Event Reporting System), in Europa das EudraVigilance der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA). Schwere Ereignisse müssen innerhalb von 15 Tagen gemeldet werden. Der Vorteil: Es ist kostengünstig und fängt seltene, schwerwiegende Ereignisse ein. Der Nachteil: Es kommt oft zu Unterberichten. Studien zeigen, dass nur ein Bruchteil der tatsächlichen Nebenwirkungen gemeldet wird.
  2. Aktive Surveillance (Active Surveillance): Hier suchen Behörden proaktiv nach Mustern in großen Datenbanken. Ein Beispiel ist die Sentinel Initiative der US-Behörde FDA, die elektronische Gesundheitsakten und Versicherungsdaten analysiert. Dies ermöglicht es, Signale zu erkennen, bevor sie sich zu breiten Problemen entwickeln. Allerdings ist dieser Ansatz teuer und technisch komplex.

In Kanada hat das Canada Vigilance Program seit 1965 über 1,2 Millionen Berichte verarbeitet. Dabei stellten biosimilar-spezifische Meldungen 2022 nur etwa 0,7 % aller Berichte für biologische Arzneimittel dar. Diese niedrige Zahl wirft die Frage auf: Werden Probleme einfach nicht erkannt?

Das große Problem: Wer hat welches Produkt erhalten?

Die größte Herausforderung in der Pharmakovigilanz von Biosimilars ist die Rückverfolgbarkeit. Wenn ein Patient eine Nebenwirkung meldet, muss klar sein, ob er das Originalmedikament oder den Biosimilar erhielt. Noch schwieriger wird es, wenn mehrere Hersteller ähnliche Biosimilars für denselben Wirkstoff anbieten.

Ein konkretes Beispiel: Ein Onkologe behandelt einen Krebspatienten mit einem Biosimilar von Rituximab. Tritt eine Infusionreaktion auf, war es der spezifische Biosimilar A, B oder vielleicht doch das Referenzprodukt? Ohne klare Identifikation ist jede Analyse wertlos.

Vergleich der Identifizierungsstrategien für Biosimilars
Region / Behörde Identifikationsmethode Vorteile Herausforderungen
USA (FDA) Einzigartiges vierstelliges Suffix (z.B. -abp21) Klare Unterscheidung im Code Vermenschlichung der Namen schwierig; Verwirrung bei Ärzten
Europa (EMA) Handelsname + Chargennummer Etabliertes System Abhängig von korrekter Dokumentation durch Ärzte
Kanada (Health Canada) Meldung unter Handelsname verpflichtend 87,3 % der Meldungen nutzen Handelsnamen Erfordert strenge Compliance bei Herstellern

In den USA führte die FDA 2017 einzigartige vierbuchstabige Suffixe ein, um Biosimilars voneinander zu unterscheiden. In Europa und Kanada setzt man stärker auf die genaue Nennung des Handelsnamens und der Chargennummer. Eine Umfrage unter US-Ärzten ergab jedoch, dass 63,4 % Verwirrung bei der Dokumentation hatten, weil die Namen sich so ähnlich waren. Besonders Hämatologen und Onkologen berichteten hier von hohen Fehlerquoten.

Zwei Türme repräsentieren spontane und aktive Sicherheitsüberwachung

Unterschiedliche regulatorische Landschaften

Nicht alle Länder gehen gleich vor. Während die EMA betont, dass Biosimilars keinen speziellen Sicherheitsrahmen benötigen, da sie denselben Standards unterliegen wie andere Biologika, fordert Health Canada explizit detaillierte Pläne zur Überwachung der Immunogenität.

Die USA wählen einen hybriden Ansatz. Hersteller müssen in den ersten zwei Jahren nach der Zulassung halbjährlich Sicherheitsberichte (PSURs) einreichen, danach jährlich. Zusätzlich verlangt der 21st Century Cures Act zweimonatliche Screenings der Datenbank. In Indien gilt ebenfalls eine halbjährliche Berichterstattung für die ersten zwei Jahre, während die EU jährliche PSURs und alle drei Jahre umfassende Nutzen-Risiko-Bewertungen (PBRERs) fordert.

Diese Unterschiede machen internationale Harmonisierung schwierig. Ein global agierender Pharmahersteller muss also verschiedene Systeme parallel betreiben, was die Kosten für die Pharmakovigilanz eines einzelnen Biosimilars in den USA auf geschätzte 2,1 Millionen Dollar pro Jahr treibt.

Technologie als Lösung: KI und Echtzeit-Daten

Da manuelle Meldungen oft lückenhaft sind, setzt die Industrie zunehmend auf Technologie. Künstliche Intelligenz (KI) und Maschinelles Lernen (ML) helfen dabei, Muster in unstrukturierten Arztbriefen oder Notizen zu finden. Die EMA startete 2022 das KI-gestützte Signal-Erkennungssystem "VigiLyze", das jährlich 1,2 Millionen neue Fälle mit einer Genauigkeit von 92,4 % verarbeitet.

Für mittlere Pharmaunternehmen kostet die Integration solcher Tools etwa 250.000 bis 500.000 Euro und dauert vier bis sechs Monate. Der Lohn ist jedoch eine schnellere Erkennung von Risikosignalen. Zudem arbeitet das International Pharmaceutical Regulators Programme (IPRP) an einem globalen einzigartigen Identifikatorsystem für Biologika, vergleichbar mit Seriennummern bei Geräten. Pilotstudien in der Schweiz deuten darauf hin, dass dies Fehler bei der Zuordnung von Nebenwirkungen um 73,5 % reduzieren könnte.

Apotheker verwechselt ähnliche Biosimilar-Fläschchen bei der Dokumentation

Praktische Tipps für medizinisches Personal

Als Arzt oder Apotheker spielen Sie eine entscheidende Rolle in der Sicherheitskette. Hier sind konkrete Schritte, die Sie unternehmen können:

  • Dokumentieren Sie den genauen Hersteller: Schreiben Sie nicht nur „Rituximab-Biosimilar“, sondern notieren Sie den Handelsnamen und die Chargennummer in der Patientenakte.
  • Wechselprotokolle: Wenn Sie von einem Referenzprodukt auf einen Biosimilar wechseln (Switching), dokumentieren Sie diesen Wechsel eindeutig. So lässt sich später prüfen, ob eine Reaktion vor oder nach dem Wechsel auftrat.
  • Patientenaufklärung: Informieren Sie Patienten darüber, dass sie möglicherweise ein ähnliches, aber nicht identisches Präparat erhalten. Geben Sie ihnen die Packungsbeilage des spezifischen Produkts in die Hand.
  • Melden Sie Verdachtsfälle: Zögern Sie nicht, auch unsichere Fälle zu melden. Selbst wenn die Kausalität unklar ist, trägt jeder Bericht zum Gesamtbild bei.

Dr. Sarah Chen von der Johns Hopkins Hospital berichtet von Fällen, in denen Apotheken den Biosimilar ohne Dokumentation austauschten. Dadurch war eine spätere Zuordnung von Nebenwirkungen unmöglich. Solche Lücken schließen wir nur durch konsequente Dokumentation.

Zukunftsausblick: Mehr Biosimilars, mehr Verantwortung

Der Markt für Biosimilars wächst rasant. Von 7,3 Milliarden Dollar im Jahr 2022 auf prognostizierte 34,9 Milliarden Dollar bis 2028. Bis 2030 erwartet die Weltgesundheitsorganisation (WHO), dass über 300 Biosimilars auf nur 30 Referenzprodukte abzielen werden. Die aktuellen Systeme stoßen an ihre Grenzen.

Experten wie Dr. Philip Schneider warnen, dass spontane Meldesysteme seltenere immunogene Unterschiede von 0,1 % kaum erfassen können. Dafür bräuchte man post-marketing-Studien mit mindestens 6.000 Patienten. Die Zukunft liegt daher in aktiven Surveillance-Systemen, die Echtzeit-Daten aus Krankenhäusern und Praxen ziehen, kombiniert mit standardisierten Immunogenitäts-Tests, die aktuell noch von 87,2 % der nationalen Regulierungsbehörden fehlen.

Die Sicherheit von Biosimilars ist keine einmalige Prüfung bei der Zulassung, sondern ein lebenslanger Prozess. Nur durch transparente Daten, klare Identifikation und moderne Technologie können wir sicherstellen, dass diese kostensenkenden Medikamente auch wirklich sicher bleiben.

Was ist der Hauptunterschied zwischen der Überwachung von Biosimilars und Generika?

Generika sind chemisch identisch mit dem Original und benötigen daher keine spezielle zusätzliche Überwachung. Biosimilars sind biologische Produkte, die aufgrund ihrer komplexen Herstellungsweise kleine Unterschiede aufweisen können. Daher liegt der Fokus bei Biosimilars stark auf der Überwachung der Immunogenität (Antikörperbildung) und der genauen Rückverfolgbarkeit des spezifischen Herstellers.

Warum ist die Rückverfolgbarkeit (Traceability) bei Biosimilars so wichtig?

Wenn mehrere Hersteller ähnliche Biosimilars für denselben Wirkstoff anbieten, muss bei einer Nebenwirkung genau geklärt werden können, welches spezifische Produkt der Patient erhalten hat. Ohne diese Information kann man nicht feststellen, ob ein bestimmter Hersteller oder Charge für das Problem verantwortlich ist. Dies erfordert die Dokumentation von Handelsname und Chargennummer.

Wie unterscheidet sich die Pharmakovigilanz in den USA von der in Europa?

In den USA führt die FDA einzigartige vierbuchstabige Suffixe für Biosimilars ein, um sie eindeutig zu identifizieren, und verlangt häufige Sicherheitsberichte. In Europa setzt die EMA stärker auf das bestehende System mit Handelsnamen und Chargennummern und betont, dass Biosimilars denselben allgemeinen Pharmakovigilanz-Standards unterliegen wie andere Biologika, ohne spezielle Biosimilar-only-Anforderungen.

Welche Rolle spielt Immunogenität bei der Sicherheit von Biosimilars?

Immunogenität bezieht sich darauf, ob der Körper des Patienten Antikörper gegen das Medikament bildet. Da Biosimilars nicht zu 100 % identisch mit dem Original sind, besteht ein geringes Risiko, dass der Körper sie anders reagiert als auf das Referenzprodukt. Dies kann die Wirksamkeit verringern oder allergische Reaktionen auslösen. Daher ist die regelmäßige Überprüfung auf Antikörper ein zentraler Bestandteil der Sicherheitsüberwachung.

Können Patienten selbst zur Meldung von Nebenwirkungen beitragen?

Ja, absolut. Viele Länder ermöglichen es Patienten, Nebenwirkungen direkt über Online-Portale oder Apps zu melden. Es ist wichtig, dass Patienten wissen, welches genaue Medikament (Handelsname) sie nehmen, und dies ihren Ärzten oder den Behörden mitteilen, insbesondere wenn sie zwischen Original und Biosimilar gewechselt wurden.