Was passiert, wenn ein Medikament nicht einfach in einer Tablette steckt, sondern in einer Nanosuspension, einer Inhalationslösung oder einer Creme, die tief in die Haut eindringen muss? Dann wird das Nachweisen der Bioäquivalenz zu einer der schwierigsten Aufgaben in der Pharmazie. Complex generic formulations - also komplexe Generika - sind keine einfachen Kopien von Originalmedikamenten. Sie sind technisch hochkomplex, und ihre Wirksamkeit lässt sich nicht mit einfachen Bluttests überprüfen. Doch genau das ist der Schlüssel, um sie auf den Markt zu bringen: Nachzuweisen, dass sie genauso wirken wie das Original. Und genau hier hakt es.
Das Problem: Die Regeln für Bioäquivalenz, die für einfache Tabletten funktionieren, versagen hier. Bei herkömmlichen Generika misst man, wie schnell und wie viel des Wirkstoffs im Blut ankommt. Die Werte für AUC (Fläche unter der Kurve) und Cmax (Höchstkonzentration) müssen zwischen 80% und 125% des Originals liegen. Bei einem Inhaler, der Medikamente in die Lunge abgibt, kann man das nicht messen. Wo soll man das Blut abnehmen? In den Alveolen? Das geht nicht. Und doch muss man beweisen, dass das Generikum genauso gut wirkt wie das Original. Wie?
Dazu kommt die Instabilität. Komplexe Formulierungen sind empfindlich. Temperaturschwankungen, Licht, Luftfeuchtigkeit - schon kleine Veränderungen können die Struktur der Liposomen verändern oder den Wirkstoff abbauen. Ein Hersteller, der ein Generikum entwickelt, muss nicht nur die Wirkstoffmenge genau treffen, sondern auch die gesamte physikalische und chemische Struktur des Originals replizieren. Und das ohne Zugang zu den Rezepturen. Es ist wie ein Koch, der ein geheimes Rezept nachmachen will, ohne die Zutatenliste zu kennen - nur durch Probieren, Riechen und Fühlen.
Die Herstellung ist ein weiteres Hindernis. Ein Spray, das 100.000 Partikel pro Dosis abgibt, muss jede einzelne Partikelgröße kontrollieren. Die meisten sind zwischen 1 und 10 Mikrometern groß - aber selbst innerhalb dieses Bereichs kann ein Unterschied von einem Mikrometer die Wirksamkeit verändern. Und das muss jedes Mal reproduzierbar sein, bei Millionen von Dosen. Die FDA hat in einer Studie gezeigt, dass Hersteller, die ihre Prozesse nicht mit modernen Methoden wie Quality by Design (QbD) planen, oft scheitern. QbD bedeutet: Man plant die Stabilität und Bioäquivalenz von Anfang an mit ein - nicht als letzte Prüfung, sondern als Kern der Entwicklung.
Darüber hinaus gibt es kaum standardisierte Prüfverfahren. Für Inhalatoren gibt es keine einheitliche Methode, um die Aerosolverteilung zu messen. Für Hautcremes gibt es keinen Goldstandard, um die Penetration zu quantifizieren. Jedes Labor arbeitet anders. Das macht Vergleiche schwer und führt zu Unsicherheiten bei der Zulassung.
Ein Beispiel: Testosteron-Creme. Es gibt mehrere Originalprodukte, die bei Hormonmangel helfen. Doch nur ein einziges Generikum ist in den USA zugelassen. Warum? Weil die Hautpenetration nicht zuverlässig gemessen werden konnte. Ähnlich bei Inhalatoren mit Budesonid - einem Standardmedikament für Asthma. Trotz jahrelanger Forschung gibt es nur wenige Generika, weil die Aerosolverteilung nicht mit ausreichender Genauigkeit reproduziert werden konnte.
Wissenschaftler arbeiten auch an standardisierten Analyseverfahren. Die Center for Research on Complex Generics (CRCG) hat 2022 und 2023 zwölf neue Protokolle veröffentlicht - für Liposomen, Nanosuspensionen und andere komplexe Formulierungen. Und es gibt eine wichtige Erkenntnis: Wer früh mit der FDA oder EMA spricht, hat eine 35% höhere Chance auf Zulassung. Regulatoren wollen helfen - aber nur, wenn Hersteller ihre Herausforderungen offen benennen.
Die Zukunft wird zeigen, ob wir es schaffen, diese Barrieren abzubauen. Bis dahin bleibt es ein Kampf zwischen Wissenschaft und Regulierung - mit Patienten, die auf billigeren, aber genauso wirksamen Medikamenten warten.
Bei einfachen Tabletten wird die Bioäquivalenz über die Blutkonzentration des Wirkstoffs gemessen: Man prüft, ob die Menge im Blut (AUC) und die höchste Konzentration (Cmax) des Generikums im Bereich von 80-125% des Originals liegt. Bei komplexen Generika wie Inhalatoren, Hautcremes oder Augentropfen wirkt der Wirkstoff jedoch nicht systemisch, sondern lokal - etwa in der Lunge oder auf der Haut. Dort kann man die Konzentration nicht messen, weil man keine Blutproben aus den Lungenbläschen oder aus der Haut entnehmen kann. Deshalb reicht die traditionelle Methode nicht aus.
Zu den komplexen Generika gehören: Produkte mit komplexen Wirkstoffen wie Peptiden oder natürlichen Inhaltsstoffen, liposomale Formulierungen, Nanopartikel, Inhalatoren (z.B. für Asthma), transdermale Pflaster (z.B. für Testosteron), topische Cremes und Gels (z.B. für Ekzeme), Augentropfen mit speziellen Trägersystemen und kombinierte Geräte wie Inhalatoren mit Dosierhilfen. Diese Produkte haben eine komplexe physikalische Struktur, die schwer zu reproduzieren ist.
Quality by Design (QbD) ist ein Ansatz, bei dem die Qualität eines Medikaments von Anfang an in die Entwicklung einbezogen wird - nicht erst am Ende als Prüfschritt. Bei komplexen Generika bedeutet das: Man wählt Hilfsstoffe nicht nur nach Kosten, sondern nach ihrer Stabilität, Verträglichkeit und Auswirkung auf die Wirkstofffreisetzung. Man testet früh, wie Temperatur, Licht oder Feuchtigkeit die Formulierung beeinflussen. Dieser proaktive Ansatz reduziert das Risiko, dass das Produkt später in der Bioäquivalenzstudie scheitert, weil sich die Struktur verändert hat.
Hersteller von Generika haben keinen Zugang zu den exakten Rezepturen oder Herstellungsverfahren der Originalhersteller. Sie müssen das Produkt durch Reverse-Engineering rekonstruieren - also durch Analyse, Testen und Probieren. Das ist wie das Nachahmen eines geheimen Rezepts ohne Zutatenliste: Man kann den Geschmack probieren, die Konsistenz fühlen, aber nicht wissen, ob es durch einen speziellen Emulgator, eine bestimmte Temperatur oder ein ungewöhnliches Mischverfahren entstanden ist. Selbst kleinste Unterschiede in Hilfsstoffen können die Wirksamkeit verändern.
Neue Technologien wie physiologisch basierte Pharmakokinetik-Modelle (PBPK), digitale Lungenmodelle, Laser-Techniken zur Messung der Hautpenetration und hochauflösende Bildgebung (z.B. Raman-Spektroskopie) helfen dabei, die Wirkstoffverteilung zu simulieren, ohne invasive Tests. Diese Methoden können die Notwendigkeit klassischer klinischer Studien reduzieren. Die FDA und die EMA fördern diese Ansätze aktiv, um die Zulassung komplexer Generika zu beschleunigen.