Schwangerschaft und Autoimmunerkrankungen: Medikamentensicherheit und Planung

Schwangerschaft und Autoimmunerkrankungen: Medikamentensicherheit und Planung
Henriette Vogelsang 10 Januar 2026 1 Kommentare

Wenn eine Frau mit einer Autoimmunerkrankung schwanger werden möchte, geht es nicht mehr nur um das Kontrollieren der Krankheit - es geht um das Leben eines zweiten Menschen. Viele Frauen fragen sich: Welche Medikamente sind wirklich sicher? Soll ich sie absetzen? Was passiert, wenn meine Krankheit während der Schwangerschaft aufflammt? Die Angst ist groß, und viele entscheiden sich für das, was sie für vorsichtig halten - aber oft ist das genau das Falsche.

Die größte Gefahr ist nicht das Medikament - sondern die Krankheit

Es gibt einen Mythos, der seit Jahren in Frauenköpfen wohnt: „Während der Schwangerschaft musst du alle Medikamente absetzen.“ Das ist falsch. Und gefährlich. Die aktuellsten Leitlinien der Europäischen Allianz für Rheumatologie (EULAR) aus Februar 2025 zeigen klar: 87 % der üblichen Medikamente bei Autoimmunerkrankungen können sicher während der Schwangerschaft und auch während der Stillzeit eingenommen werden. Das ist ein großer Fortschritt. Früher wurde oft empfohlen, Therapien abzusetzen - mit der Folge, dass 63 % der Frauen mit Rheuma, die TNF-Inhibitoren absetzten, eine schwere Krankheitsflaute erlebten. Und eine Flauta ist viel gefährlicher als die meisten Medikamente.

Unkontrolliertes Lupus erhöht das Risiko für Präeklampsie um das 3- bis 5-Fache und für eine Frühgeburt vor der 34. Schwangerschaftswoche um das 2,8-Fache. Hydroxychloroquin dagegen senkt diese Risiken um die Hälfte und reduziert Flauten um 66 %. Das ist kein kleiner Effekt - das ist lebensrettend.

Was ist sicher? Die klare Übersicht

Nicht alle Medikamente sind gleich. Einige sind absolut sicher, andere sind tabu - und manche liegen in einem Graubereich. Hier ist die klare, aktuelle Einteilung, basierend auf Daten aus über 12.000 Schwangerschaften:

  • Hydroxychloroquin (z. B. Plaquenil): 98,7 % sicher. Kein erhöhtes Risiko für Geburtsfehler. Wird sogar empfohlen - besonders bei Lupus. Es schützt nicht nur die Mutter, sondern auch das Kind vor Komplikationen.
  • Azathioprin: 95,3 % sicher. Einer der am häufigsten verwendeten Wirkstoffe bei Schwangerschaften mit Autoimmunerkrankungen. Das Risiko einer Frühgeburt liegt bei nur 2,1 % - wenn die Krankheit kontrolliert ist. Ohne Medikament: bis zu 8,7 %.
  • Sulfasalazin: 97,1 % sicher. Keine Teratogenität nachgewiesen. Gut verträglich, besonders bei entzündlichem Darm und Rheuma.
  • TNF-Inhibitoren (z. B. Adalimumab, Etanercept, Certolizumab): 94,8 % sicher. Hier gibt es einen wichtigen Unterschied: Certolizumab pegol hat die geringste Plazentatransfer-Rate - nur 0,2 % der Mutterkonzentration erreicht das Kind. Adalimumab bringt es auf 15,7 %, Infliximab sogar auf 23,4 %. Deshalb wird Certolizumab oft als Erstwahl für das dritte Trimenon empfohlen.
  • Kortikosteroide (z. B. Prednisolon): Kann sicher eingesetzt werden, wenn nötig. Hohe Dosen über lange Zeit können jedoch das Risiko für Gestationsdiabetes oder niedriges Geburtsgewicht erhöhen - aber das ist immer noch besser als eine unbehandelte Flauta.

Was ist tabu? Diese Medikamente müssen vor der Schwangerschaft abgesetzt werden

Einige Medikamente sind während der Schwangerschaft einfach zu gefährlich. Sie verursachen schwere Geburtsfehler. Und sie müssen rechtzeitig abgesetzt werden - nicht erst, wenn die Schwangerschaft schon begonnen hat.

  • Methotrexat: Absolute Kontraindikation. Bei 17,8 % der Schwangerschaften, in denen es eingenommen wurde, traten schwere Geburtsfehler auf - Gesichts- und Gliedmaßendeformitäten, Herzprobleme. Die Empfehlung: mindestens 3 Monate vor der geplanten Empfängnis absetzen.
  • Mycophenolat-Mofetil (z. B. Cellcept): Noch gefährlicher. 24,4 % der Kinder hatten schwere Fehlbildungen - Ohren, Augen, Herz. Die FDA warnt mit einem „Black Box“-Hinweis. Absetzen muss mindestens 6 Wochen vor der Empfängnis erfolgen - besser 3 Monate.
  • JAK-Hemmer (z. B. Upadacitinib, Tofacitinib): EULAR empfiehlt strikte Vermeidung. Auch wenn japanische Daten einen niedrigen Fehlerrisiko-Wert von 1,8 % zeigen, ist das zu wenig Beweis. In Deutschland und der EU wird hier Vorsicht walten lassen.

Einige Frauen hören von anderen, die „einfach abgesetzt“ haben - und es „gut ging“. Aber das ist kein Beweis. Das ist Glück. Und Glück ist keine Strategie.

Wann muss ich mit dem Arzt sprechen? Vor der Schwangerschaft - nicht danach

Die beste Zeit, um über Medikamente zu sprechen, ist nicht, wenn du schwanger bist. Sondern sechs Monate davor. Das ist der Goldstandard. In dieser Zeit kann dein Rheumatologe deine Medikation umstellen, deine Krankheitsaktivität stabilisieren und sicherstellen, dass du mit den sichersten Optionen startest.

Studien zeigen: Frauen, die vor der Schwangerschaft von einem Rheumatologen und einem Geburtshelfer mit Spezialisierung auf Hochrisikoschwangerschaften beraten wurden, hatten 53 % weniger unerwünschte Medikamentenabsetzungen und 37 % mehr vollständige, gesunde Geburten. Das ist kein Zufall. Das ist geplante Versorgung.

Einige Frauen warten, bis sie einen positiven Schwangerschaftstest haben - und dann fragen sie: „Was kann ich noch nehmen?“ Das ist wie ein Auto mit leerem Tank zu fahren und dann nach der Tankstelle zu suchen. Du musst den Tank vor der Fahrt füllen.

Schwangere Frau hält ihr Baby, während sich sichere Medikamente und verbotene Substanzen als schwebende Symbole um sie drehen.

Was ist mit Biosimilaren? Sind die auch sicher?

Nachdem Humira im Januar 2023 patentfrei wurde, kamen acht Biosimilare auf den Markt - Amjevita, Hyrimoz, Hadlima und andere. Viele Frauen fragen: „Sind die genauso sicher wie das Original?“ Die Antwort ist ja. Die FDA und EULAR bestätigen: Biosimilare haben exakt dieselbe Wirkung, dieselbe Sicherheitsprofil und dieselbe Plazentatransferrate wie das Originalmedikament. Du kannst sie ohne Bedenken weiternehmen - wenn sie dir vorher gut getan haben.

Stillen nach der Geburt - ist das auch sicher?

Viele Frauen hören: „Du kannst nicht stillen, wenn du Medikamente nimmst.“ Das ist wieder ein Mythos. 98,4 % der Biologika - also TNF-Inhibitoren, Interleukin-Hemmer - werden in so geringen Mengen in die Muttermilch übertragen, dass sie keine Wirkung beim Baby haben. Adalimumab wurde in der Muttermilch nur in 0,005 bis 0,13 % der Mutterkonzentration nachgewiesen - das ist weniger als ein Tropfen in einem Schwimmbecken.

Studien zeigen: Babys, deren Mütter TNF-Inhibitoren während der Stillzeit nahmen, hatten genauso viele Infektionen wie Babys, deren Mütter keine Medikamente nahmen - 7,3 % gegenüber 7,1 %. Kein Unterschied. Du kannst stillen. Und du solltest stillen - wenn du willst.

Was ist mit neuen Medikamenten? Gibt es genug Daten?

Ja, es gibt Lücken. Bei neuen Biologika wie Tocilizumab oder Vedolizumab gibt es nur wenige dokumentierte Schwangerschaften - 187 und 43, respectively. Deshalb sind die Empfehlungen hier unsicherer. Aber das bedeutet nicht, dass sie verboten sind. Es bedeutet: Du brauchst einen Experten, der dich individuell berät. Und du brauchst eine klare Kommunikation mit deinem Arzt - nicht nur eine Google-Suche.

Die NIH haben 2024 ein neues Forschungsnetzwerk mit 12,7 Millionen Dollar Fördergeld gestartet, um genau diese Lücken zu schließen. Bis 2029 sollen 5.000 Schwangere mit Autoimmunerkrankungen registriert werden - besonders bei neuen Wirkstoffen. Das ist ein großer Schritt nach vorne.

Drei medizinische Helden stehen in einem Datenkreis, der Statistiken über sichere Schwangerschaften projiziert.

Was passiert, wenn ich versehentlich ein gefährliches Medikament eingenommen habe?

Wenn du in den ersten Wochen der Schwangerschaft Methotrexat oder Mycophenolat eingenommen hast - und du weißt es jetzt - dann ist es wichtig: Nicht in Panik verfallen. Nicht alle Kinder, die diesen Wirkstoff ausgesetzt waren, haben Geburtsfehler. Aber du musst sofort deinen Arzt informieren. Eine genaue Ultraschalluntersuchung, oft in der 18.-22. Woche, kann viele Strukturen prüfen. Und du wirst nicht allein sein. Es gibt spezialisierte Zentren, die genau diese Fälle betreuen.

Warum hören Frauen immer noch falsche Ratschläge?

In einer Umfrage der MotherToBaby Registry sagten 68,3 % der Frauen, sie hätten große Angst vor Medikamenten. Und 41,7 % haben Medikamente ohne Rücksprache mit dem Arzt abgesetzt. Warum? Weil viele Gynäkologen nicht auf dem neuesten Stand sind. Einige folgen noch alten Leitlinien aus dem Jahr 2010. Andere sagen: „Besser kein Medikament als Risiko.“

Doch die Wissenschaft sagt: Das Risiko liegt nicht im Medikament - es liegt in der unbehandelten Krankheit. Eine Frau schrieb auf Reddit: „Ich habe Adalimumab nach der Empfehlung meines Gynäkologen mit 8 Wochen abgesetzt. Bei 20 Wochen hatte ich eine schwere RA-Flaute, musste mit Prednisolon behandelt werden - und bekam Gestationsdiabetes. Mein Kind kam mit 34 Wochen zur Welt.“

Ein anderer Bericht: „Ich habe Hydroxychloroquin die ganze Schwangerschaft genommen. Mein Sohn kam mit 39 Wochen, 3,5 kg, völlig gesund.“

Der Unterschied? Eine klare, evidenzbasierte Planung.

Was du jetzt tun kannst

Wenn du eine Autoimmunerkrankung hast und schwanger werden willst - oder schon schwanger bist - dann mach das:

  1. Finde einen Rheumatologen, der sich mit Schwangerschaft auskennt. Nicht jeder kennt die neuesten EULAR-Leitlinien. Suche gezielt nach Kliniken, die spezielle Schwangerschafts- oder Autoimmun-Sprechstunden anbieten.
  2. Bringe deine Medikamentenliste mit. Nicht nur die Namen - auch die Dosen und wann du sie nimmst.
  3. Frage nach einem gemeinsamen Gespräch mit deinem Geburtshelfer. Ein Team aus Rheumatologe und Mutter-Kind-Spezialist ist die beste Kombination.
  4. Vermeide Selbstentscheidungen. Keine Medikamente absetzen, ohne zu fragen. Keine neuen Präparate anfangen, ohne zu prüfen.
  5. Vertraue den Daten - nicht den Geschichten. Reddit und Facebook können helfen, aber nicht ersetzen. Die Wissenschaft hat die Zahlen. Die Zahlen sagen: Du kannst eine gesunde Schwangerschaft haben - mit Medikamenten.

Du bist nicht allein. Tausende Frauen mit Rheuma, Lupus, Morbus Crohn oder Psoriasis haben bereits erfolgreich Kinder bekommen - mit Medikamenten, mit Planung, mit Wissen. Es ist möglich. Und es ist sicher - wenn du die richtigen Informationen hast.

1 Kommentare

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    Thorsten Lux

    Januar 11, 2026 AT 03:00

    ich hab das gelesen und dachte erst: wow das ist viel text… aber dann hab ichs wirklich gelesen und jetzt bin ich baff. endlich mal was vernünftiges. danke 🙌

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