Wirkstofffreie Bestandteile in Medikamenten: Können Hilfsstoffe Sicherheit und Wirksamkeit beeinflussen?

Wirkstofffreie Bestandteile in Medikamenten: Können Hilfsstoffe Sicherheit und Wirksamkeit beeinflussen?
Henriette Vogelsang 3 Januar 2026 14 Kommentare

Ein Medikament besteht nicht nur aus dem Wirkstoff, der Krankheiten bekämpft. Tatsächlich macht der Wirkstoff oft nur ein paar Prozent der Tablette aus. Der Rest? Das sind Hilfsstoffe - auch Excipienten genannt. Sie sind nicht dazu da, zu heilen. Sie sollen das Medikament stabil halten, schmeckbar machen, schneller auflösen oder die Kapsel zusammenhalten. Doch was, wenn diese sogenannten „inaktiven“ Stoffe doch etwas bewirken? Was, wenn sie die Wirkung verändern - oder sogar gefährlich werden?

Was sind Hilfsstoffe wirklich?

Hilfsstoffe sind alles, was in einer Tablette, Kapsel oder Injektion steckt, außer dem Wirkstoff. Das sind Zucker wie Laktose, Cellulose, Magnesiumstearat als Gleitmittel, Farbstoffe wie Tartrazin, Konservierungsmittel wie Natriumbenzoat oder sogar Süßstoffe wie Aspartam. In einer normalen Tablette können bis zu 15 verschiedene Hilfsstoffe enthalten sein. Sie machen 60 bis 99 Prozent der gesamten Masse aus. Die FDA in den USA listet über 1.500 zugelassene Hilfsstoffe für alle Arten von Medikamenten auf - von oralen Tabletten bis zu Augentropfen.

Früher dachte man: Wenn es kein Wirkstoff ist, dann ist es harmlos. Das ist eine alte Annahme - und sie stimmt nicht mehr. Eine Studie aus dem Jahr 2020 in Science zeigte: Von 314 getesteten Hilfsstoffen hatten 38 eine biologische Wirkung. Sie binden an menschliche Rezeptoren, hemmen Enzyme oder beeinflussen Zellfunktionen. Einige davon erreichen im Körper sogar Konzentrationen, die mit ihren Wirkungen im Labor übereinstimmen. Das bedeutet: Ein Hilfsstoff, der als „inaktiv“ gilt, kann tatsächlich eine pharmakologische Wirkung haben.

Wann wird ein Hilfsstoff zum Problem?

Nicht jeder Hilfsstoff ist ein Risiko. Die meisten sind seit Jahrzehnten sicher verwendet worden. Doch es gibt Ausnahmen - und sie sind nicht selten.

  • Aspartam: Ein Süßstoff in vielen Zuckersubstituten. In Labortests hemmt er das Glukagonrezeptor mit einer Konzentration von 8,5 Mikromol. In der Praxis kann diese Konzentration bei hohen Dosen oder empfindlichen Personen erreicht werden - besonders bei Diabetes-Patienten, die oft mehrere Tabletten pro Tag einnehmen.
  • Natriumbenzoat: Ein Konservierungsmittel, das in vielen Flüssigkeiten und Tabletten steckt. Es hemmt das Enzym Monoaminoxidase B (MAO-B) mit einer extrem niedrigen Konzentration von 320 Nanomol. Das ist relevant für Menschen mit Parkinson oder Depressionen, die Medikamente einnehmen, die dieses Enzym beeinflussen.
  • Propylenglykol: Ein Lösungsmittel in Inhalatoren, Injektionen und Zäpfchen. Es hemmt MAO-A - ein Enzym, das für die Abbau von Serotonin und Noradrenalin zuständig ist. Bei hohen Dosen oder bei Patienten mit Leberproblemen kann das zu unerwarteten Nebenwirkungen führen.

Ein Fall aus der Praxis: 2018 wurden 14 Generika des Blutdruckmittels Valsartan zurückgerufen. Nicht wegen des Wirkstoffs, sondern wegen eines Schadstoffs (NDMA), der durch einen neuen Lösungsmittel-Prozess entstanden war. Der Wirkstoff war gleich - aber ein neuer Hilfsstoff hatte eine giftige Verunreinigung ermöglicht.

Warum sind Hilfsstoffe bei Generika so wichtig?

Generika sollen genau wie das Originalmedikament wirken. Aber sie dürfen andere Hilfsstoffe verwenden - solange sie „nicht die Sicherheit oder Wirksamkeit beeinträchtigen“. Das klingt einfach. Ist es aber nicht.

Bei Injektionen, Augentropfen oder Ohrmedikamenten müssen Hilfsstoffe exakt gleich sein wie beim Original. Bei Tabletten und Kapseln ist das nicht nötig. Das spart Zeit und Geld - aber es birgt Risiken. Die FDA lehnt 17 Prozent der Generika-Anträge ab. Die häufigsten Gründe? Unzureichende Sicherheitsnachweise für neue Hilfsstoffe (42 Prozent) oder falsche Konzentrationen (38 Prozent).

Ein Beispiel für Erfolg: Teva brachte 2021 ein Generikum von Jardiance auf den Markt. Sie ersetzten einen Dispergierstoff (Natriumstärkeglycolat) durch Croscarmellose-Natrium. Die bioäquivalenzstudien zeigten: Die Aufnahme war identisch - Cmax und AUC wiesen nur minimale Abweichungen auf. Ein sauberer Erfolg.

Ein Beispiel für Misserfolg: Aurobindo wollte ein Generikum von Entresto herstellen. Sie ersetzten Magnesiumstearat durch Natriumstearylformiat. Die FDA lehnte ab: In vitro-Tests zeigten, dass die Tablette bei Magen-pH 6,8 15 Prozent langsamer auflöste. Das könnte bedeuten: Weniger Wirkstoff wird aufgenommen. Das Medikament wirkt nicht mehr richtig.

Ein Originalmedikament kämpft gegen ein Generikum in einer surreal gestalteten Magenlandschaft mit enzymatischen Drachen.

Wie wird die Sicherheit von Hilfsstoffen geprüft?

Hersteller haben drei Wege, um zu zeigen, dass ein neuer Hilfsstoff sicher ist:

  1. Frühere Verwendung nachweisen: Wenn der Hilfsstoff schon in mindestens drei anderen zugelassenen Medikamenten verwendet wurde, ist das oft genug. 68 Prozent der erfolgreichen Generika-Anträge nutzen diesen Weg.
  2. Toxikologische Studien durchführen: Tierstudien, um die Verträglichkeit zu prüfen. Das kostet Zeit und Geld - 22 Prozent der Fälle brauchen das.
  3. Brückenargumente erstellen: Mit pharmakokinetischen Daten zeigen, dass die Wirkstoffaufnahme gleich bleibt, auch wenn der Hilfsstoff wechselt. Dieser Weg ist in 63 Prozent der Fälle erfolgreich - wenn die Daten gut sind.

Ein neuer Ansatz: Die FDA arbeitet an einem Computermodell, das vorhersagen kann, welcher Hilfsstoff mit welchem menschlichen Zielmolekül interagiert. Das basiert auf der Arbeit von Reker et al. (2020). Ziel: Frühzeitig Risiken erkennen - nicht erst nach der Markteinführung.

Was ändert sich gerade?

Die Welt der Hilfsstoffe verändert sich. Seit 2018 hat die FDA 14 neue Leitlinien herausgegeben - mehr als in den vorherigen zehn Jahren zusammen. Warum? Weil neue Medikamente immer komplexer werden: Langzeitfreisetzung, orale Dispergiertabletten, Kombinationspräparate - all das braucht neue Hilfsstoffe.

2023 startete die FDA einen Pilotversuch: Für 12 besonders kritische Hilfsstoffe in oralem Dispergiertabletten - wie Aspartam und Saccharin - müssen jetzt zusätzliche Sicherheitsdaten vorgelegt werden. Hintergrund: Einige Patienten berichteten von allergischen Reaktionen. Die Rate war winzig - 0,002 Prozent - aber sie existierten.

Und dann ist da noch die geplante Änderung der FDA-Verordnung 21 CFR 314.94: Ab 2025 könnte jeder neue Hilfsstoff auf 50 hochriskante biologische Ziele getestet werden müssen. Das würde die Entwicklungskosten pro neuer Formulierung um 500.000 bis 1 Million Dollar erhöhen. Die Industrie protestiert. Forscher sagen: Es ist überfällig.

Ein Patient mit biologischen Pfaden, durch die harmlose und gefährliche Hilfsstoffe als geisterhafte Wesen schwimmen.

Was bedeutet das für Patienten?

Wenn Sie ein Medikament einnehmen, wissen Sie meist nicht, welche Hilfsstoffe drin sind. Die Packungsbeilage listet sie auf - aber nur als chemische Namen. Niemand sagt Ihnen: „Dieser Stoff könnte Ihre Leber belasten.“

Wenn Sie allergisch auf Laktose reagieren, ist das bekannt. Aber was ist mit Natriumbenzoat? Oder Propylenglykol? Oder Farbstoffen, die bei empfindlichen Menschen Kopfschmerzen auslösen können? Die meisten Ärzte kennen diese Zusammenhänge nicht - weil sie nie gelernt haben, dass Hilfsstoffe mehr als nur „Füllstoffe“ sind.

Einige Patienten berichten von unerklärlichen Nebenwirkungen: Müdigkeit, Kopfschmerzen, Magenbeschwerden - nachdem sie von einem Original auf ein Generikum umgestiegen sind. Die Ursache? Ein anderer Hilfsstoff. Oft wird das als „psychosomatisch“ abgetan. Dabei könnte es einfach eine chemische Reaktion sein.

Was können Sie tun?

  • Lesen Sie die Packungsbeilage. Suchen Sie nach Hilfsstoffen, die Sie kennen - besonders wenn Sie Allergien, Stoffwechselprobleme oder chronische Krankheiten haben.
  • Fragen Sie Ihren Apotheker. Er kann Ihnen sagen, ob ein Generikum andere Hilfsstoffe enthält als das Original. Manchmal ist der Unterschied entscheidend.
  • Beobachten Sie Ihre Reaktionen. Wenn Sie nach einem Wechsel des Medikaments neue Beschwerden haben, notieren Sie sie. Sprechen Sie mit Ihrem Arzt. Es könnte kein Zufall sein.
  • Verlangen Sie das Original, wenn nötig. Wenn ein Generikum bei Ihnen nicht wirkt oder Nebenwirkungen verursacht, fragen Sie nach dem Original. Manchmal ist der Unterschied in den Hilfsstoffen - nicht im Wirkstoff.

Die Pharmaindustrie sagt: „Hilfsstoffe sind sicher.“ Die Wissenschaft sagt: „Einige sind es nicht.“ Die Realität liegt dazwischen. Die meisten Hilfsstoffe sind harmlos. Aber nicht alle. Und wenn Sie ein Medikament einnehmen, das Ihnen lebenswichtig ist - sollten Sie nicht einfach akzeptieren, dass „es doch nur ein Füllstoff“ ist. Denn manchmal ist es genau dieser Füllstoff, der die Wirkung verändert - oder Ihnen schadet.

14 Kommentare

  • Image placeholder

    Astrid Garcia

    Januar 4, 2026 AT 12:36

    Ich hab mal ein Generikum genommen und danach war ich wie betrunken – kein Witz. Der Apotheker meinte, es liegt am neuen Füllstoff. Jetzt check ich jede Packungsbeilage wie ein Geheimdienstagent. 😅

  • Image placeholder

    Aleksander Knygh

    Januar 5, 2026 AT 20:31

    Oh, das ist ja ein klassischer Fall von pharmazeutischem Nihilismus – wir vertrauen blind auf Chemie, obwohl wir doch wissen, dass selbst die unsichtbaren Bestandteile eine metaphysische Wirkung entfalten können. Die moderne Medizin ist ein Theater der Illusionen. 🎭

  • Image placeholder

    Runa Bhaumik

    Januar 6, 2026 AT 17:02

    Ich find’s wichtig, dass wir darüber reden – besonders als Frau mit Autoimmunerkrankung. Ich hab Jahre gebraucht, rauszufinden, dass Laktose und Farbstoffe meine Symptome verschlimmern. Nicht jeder ist ein Chemiker – aber jeder verdient eine klare Info. 💛

  • Image placeholder

    Tom André Vibeto

    Januar 8, 2026 AT 06:09

    Die Hilfsstoffe sind wie die unsichtbaren Musiker im Orchester – du hörst den Wirkstoff, aber ohne sie wäre die Symphonie verstimmt, verlangsamt, manchmal sogar tödlich. Sie sind nicht nur Füllstoffe – sie sind die unsichtbare Architektur der Heilung. 🎻

  • Image placeholder

    Linn Leona K

    Januar 10, 2026 AT 01:18

    Ich hab das mit Aspartam auch bemerkt – nach dem Generikum war ich total müde. Hab zurückgewechselt. War’s der Stoff? Keine Ahnung. Aber ich hab’s gespürt. 🤷‍♀️

  • Image placeholder

    Håvard Paulsen

    Januar 11, 2026 AT 08:23

    Das ist echt krass wenn man drüber nachdenkt. Ich hab nie gedacht, dass ein Füllstoff mich krank machen kann. Aber jetzt check ich die Liste. Einfach so. Weil es besser ist, vorsichtig zu sein als später zu bereuen. 👍

  • Image placeholder

    Tanja Brenden

    Januar 12, 2026 AT 03:38

    HALT! STOPP! WIR MÜSSEN DAS ÄNDERN! 🚨 Jeder, der ein Medikament nimmt, sollte eine klare, verständliche Liste der Hilfsstoffe bekommen – mit Erklärung, nicht nur Chemie-Namen! Ich hab eine Freundin, die nach jedem Generikum Kopfschmerzen hat – und keiner nimmt sie ernst. Das ist nicht fair! 💪

  • Image placeholder

    Nina Kolbjørnsen

    Januar 13, 2026 AT 03:26

    Ich hab das mit dem Natriumbenzoat nicht gewusst – aber jetzt check ich auch meine Zahnpasta. 😅 Wer hätte gedacht, dass das in so vielem steckt? Danke für den Hinweis!

  • Image placeholder

    Thea Nilsson

    Januar 14, 2026 AT 06:32

    Die Industrie sagt, es sei sicher. Die Wissenschaft sagt, es könnte gefährlich sein. Und du? Du nimmst es trotzdem, weil du keine Wahl hast. 😏

  • Image placeholder

    Lars Ole Allum

    Januar 14, 2026 AT 09:07

    Wenn du nicht weißt, was in deiner Tablette ist, bist du einfach zu blöd für Medikamente. Jeder kann die Packungsbeilage lesen. 🤦‍♂️

  • Image placeholder

    Øyvind Skjervold

    Januar 15, 2026 AT 03:23

    Ich finde es wichtig, dass du das ansprichst – aber bitte nicht mit Angst. Mit Wissen. Viele Ärzte wissen es auch nicht. Aber wenn du deine Reaktionen dokumentierst und sie deinem Arzt zeigst, dann wird es ernst genommen. Du bist nicht allein. 🤝

  • Image placeholder

    Jan Tancinco

    Januar 16, 2026 AT 02:39

    Das ist ja absurd! In Deutschland wird das alles streng kontrolliert! Ihr Norweger habt doch keine Ahnung von Pharmazie! 😅

  • Image placeholder

    Barry Gluck

    Januar 16, 2026 AT 13:57

    Interessant, dass du das mit der bioäquivalenten Auflösung erwähnst – ich hab neulich ein Paper gelesen, wo genau das bei einem Antidepressivum passiert ist. Die Kapsel löste sich zu langsam, weil sie Magnesiumstearat durch Siliziumdioxid ersetzten. Die Patienten hatten plötzlich keine Wirkung mehr. 🤔

  • Image placeholder

    Péter Braun

    Januar 17, 2026 AT 14:12

    Es ist einfach unverantwortlich, dass die FDA so lax ist. Wer diese Hilfsstoffe in Medikamente einsetzt, sollte strafrechtlich belangt werden. Das ist medizinischer Wahnsinn – und eine Schande für die Wissenschaft. 🚫💊

Schreibe einen Kommentar